|
|
|
Das Bild Europas in der deutschen Literatur. Von der Entdeckung zur Gestaltung
Peter Hanenberg Universidade Católica Portuguesa, Faculdade de Letras, Viseu
"Von Europa zu sprechen ist kaum mehr möglich. Es ist alles gesagt, und schon sind wir dazu übergegangen, den Namen unseres Erdteils abzulegen und uns zu 'Euratom' und 'Euromarkt' zu bekennen."[1] Als Reinhold Schneider diese Worte im Jahre 1957 in Lissabon vortrug, war man noch weit davon entfernt, mit Europa jene politische Realität zu verbinden, an die wir uns heute gewöhnt haben. Allein der Beitritt der iberischen Länder, denen Schneiders Liebe und Aufmerksamkeit in besonderem Maße galt, zu dem was damals Europäische Gemeinschaften hieß, ließ noch fast dreißig Jahre auf sich warten. Heute leben wir in der Europäischen Union, der Euromarkt stellt unser tägliches Brot und mit Eurocard und Euro werden wir es künftig alle bezahlen. "Von Europa zu sprechen ist kaum mehr möglich. Es ist alles gesagt..." Und gleichwohl möchte ich heute von Europa sprechen. Denn es scheint mir durchaus noch lange nicht alles gesagt. Im Gegenteil. Was Europa ist und wie es zu begreifen und dann vielleicht zu leben wäre, das scheint mir trotz oder gerade wegen der günstigen europäischen Rahmenbedingungen kaum ausreichend begründet. Als Germanist muß ich die Frage, die mich als europäischer Bürger bewegt, natürlich auf philologische Weise lösen - ein wissenschaftlicher Um- und Ausweg im übrigen, der den Gründungsvätern der Germanistik im 19. Jahrhundert mit ihren sprach- und literaturpatriotischen Interessen nicht fremd gewesen ist. Und so widme ich mich seit einiger Zeit - und mit der Unterstützung des Centro Interuniversitário de Estudos Germanísticos in Coimbra -[2] der Erforschung des Bildes von Europa, wie es in literarischen Werken deutscher Sprache gezeichnet wurde. Dabei geht es mir ausdrücklich nicht um politische Pamphlete oder visionäre Schriften, sondern um die konkrete Form dessen, was gelebtes Europa als literarische Gestalt ist oder sein könnte. Im folgenden möchte ich an vier ausgewählten Beispielen zeigen, wie man in diesem Sinne an und aus der Literatur lernen kann, wie Europa gesehen, begriffen und gelebt werden mag. Die vier Beispiele sind zugleich Stationen in der Entwicklung des Begriffs und als solche wollen sie ebenso exemplarisch wie historisch verstanden sein. Den vier Stationen habe ich folgende Titel gegeben: 1. Die Entdeckung Europas auf der Insel, 2. Die Verbesserung Europas in der Utopie, 3. Die Müdigkeit Europas nach der Revolution und schließlich 4. Die Gestaltung Europas im Zug. 1. Die Entdeckung Europas auf der Insel: Eine der Voraussetzungen meiner Arbeit ist, daß man die Erforschung des Europa-Bildes in der Literatur erst für jenen Zeitraum betreiben kann, in dem in der Literatur von Europa die Rede ist. Oder anders ausgedrückt: Solange das Wort Europa nicht vorkommt, kann es auch keinen Begriff und kein Bild von Europa geben. In diesem Sinne ist festzuhalten, daß das christliche Mittelalter bzw. das Abendland das Wort "Europa" zwar kannte, aber kaum benutzte. "Das Wort 'Europa'", so schrieb schon Heinz Gollwitzer, "hat sich auf deutschem Boden im 16. und 17. Jahrhundert allgemein durchgesetzt."[3] Und so wundert es nicht, daß die älteste Schrift, die den Europa-Namen im Titel nennt, erst aus dem Jahre 1671 stammt.[4] Natürlich gab es Europa auch vorher - aber es verstand und definierte sich nicht über den säkularen Namen eines Kontinents, sondern über Tradition und Religion. Erst als die religiöse Einheit zerbrochen war, konnte der Europa-Begriff sich gegenüber den Begriffen des Christentums und des Abendlandes durchsetzen. Ferner müssen wir auch davon ausgehen, daß sich die europäische Identität im modernen Sinne erst auszubilden begann, als den Europäern mit den überseeischen Völkern alternative Lebensformen und Zivilisationen entgegentraten. Die Entdeckung, Eroberung und Kolonisierung afrikanischer, amerikanischer und asiatischer Länder und Völker trugen seit Ende des 15. Jahrhunderts nicht nur zu einer Europäisierung der Erde bei - wie es die Historiker ausdrücken.[5] Vielmehr führten die Entdeckungen auch zu einer Selbstentdeckung Europas, der die fremden Völker als Spiegel des eigenen Vermögens und der zivilisatorischen Möglichkeiten dienten. Es ist die Entdeckung der Alterität nicht-europäischer Realitäten, die die Selbstentdeckung europäischen Bewußtseins entwickeln hilft.[6] In diesem Sinne ist Grimmelshausens Simplicissimus einer der ersten Europäer der deutschen Literatur.[7] Bestätigt finden wir diesen Befund, wenn wir die Häufigkeit des Wortes "Europa" berücksichtigen, das in literarischen Texten vor Grimmelshausen kaum, in der "Continuatio" des "Simplicissimus" jedoch geradezu inflationär zur Anwendung kommt. Simplicissimus hat von den Fährnissen in Europa und in der Welt genug erfahren, um zu wissen, was Europa ist und bedeutet. Und so entschließt er sich am Ende des Buches, seiner Heimat endgültig den Rücken zu kehren und auf der sogenannten Kreuz-Insel ein neues, friedliches und natürliches Leben zu beginnen. Es ist ganz offensichtlich (und gründlich nachgewiesen), daß Grimmelshausen bei der Gestaltung dieses Abschieds von Europa auf die zeitgenössischen Erfahrungen der iberischen Entdecker zurückgegriffen hat, daß also die Entdeckung überseeischer, nicht-europäischer Realitäten dazu beigetragen hat, das kritische Bild der alten Welt schärfer zu zeichnen. Die Einladung des holländischen Kapitäns, Simplicissimus "widerumb auß dieser vertrüßlichen Einsambkeit mit uns in Europam zunehmen" (688),[8] lehnt der Welterfahrene ab. Simplicissimus' Absage an eine Rückkehr nach Europa ist durch reflexive Erfahrungen geprägt, d.h. durch die spiegelbildliche Betrachtung des Eigenen vermittels des Fremden, durch die Kritik des Gegebenen ebenso wie durch den Entwurf des Idealen. Die Entdeckung des Anderen fördert eine Betrachtung der Dinge nach Oppositionen. "(...) hier ist Fried / dort ist Krieg; hier weiß ich nichts von Hoffart / vom Geitz / vom Zorn / vom Neyd / vom Eyfer / von Falschheit / von Betrug / von allerhand Sorgen (...) als ich noch in Europa lebte / (...) war alles mit Krieg / Brandt / Mord / Raub / Plünderung / Frauen- und Jungfrauen schänden etc. erfüllt (...)." (695) Simplicissimus entdeckt nicht eigentlich eine Insel, sondern vielmehr mit Hilfe der Insel Europa. Daß die Entdeckung Europas zusammenfällt mit seiner Kritik scheint mir besonders aussagekräftig und typisch zu sein. Desto genauer Simplicissimus Europa zu kennen glaubt - und seine Erfahrungen im Zeitalter des 30jährigen Krieges geben ihm Anlaß genug dazu -, um so mehr trachtet er danach, sich ihm kritisch entgegenzustellen. In dieser Disposition ist Simplicissimus der Prototyp eines Europäers, der sich nicht scheut, in die Ferne zu ziehen, das Eigene kritisch zu sehen und zugleich seine Veränderung zu fordern. 2. So schließt denn auch die zweite hier zu nennende Station des Europa-Bildes in der deutschen Literatur unmittelbar an diese Erfahrung an: Die Verbesserung Europas in der Utopie. Johann Gottfried Schnabel hat mit seinem vierbändigen Roman "Wunderliche Fata einiger See-Fahrer" eine gesellschaftliche Utopie entworfen, die einerseits europakritisch ist, andererseits aber ganz offensichtlich danach strebt, Europas Lebensbedingungen und Verfassung wahrhaftig zu verbessern.[9] Ist Grimmelshausens "Continuatio" zum "Simplicissimus" eine Robinsonade ante festum, so greift Schnabel mit seinem Roman sowohl die Defoesche als auch die Tradition der Utopie von Thomas Morus auf. Schnabels Roman aus den Jahren 1731-1743, den Ludwig Tieck unter dem später üblich gewordenen Titel "Insel Felsenburg" 1828 in einer Überarbeitung herausgab, zählt zweifellos zu den Meilensteinen der Gattung in der deutschen Literatur. Man könnte sogar sagen, daß "die Neuzeit [im Roman] eben mit der 'Insel Felsenburg'" beginnt, wie es Arno Schmidt einmal ausgedrückt hat.[10] Kein Zweifel besteht auch daran, daß der Roman ein utopischer Entwurf einer besseren Gesellschaft sein will. Daß die Koordinaten dieser Gesellschaft aber nicht irgendwo im Ozean liegen, sondern vielmehr ganz und gar europäisch sind, das scheint mir ein Aspekt, den man bislang viel zu wenig beachtet hat und der im Zusammenhang unseres Themas besonders wichtig ist. Was ist Europa in diesem Roman? In erster Linie - und hier liegt die Verbindung zu Grimmelshausen - ist Europa ein Ort der Zwistigkeiten, der Falschheit und des Unfriedens. Diese Umstände führen die verschiedenen Bewohner der Insel Felsenburg in ihren Biographien deutlich vor. Die Utopie bezieht sich also in erster Linie auf die Überwindung dieser Mißstände in Europa. Aber Europa ist mehr als Streit und Krieg. Das Positive an Europa erkennt man in dem, was die Felsenburger vom alten Kontinent übernehmen. (Und sie haben das Glück, daß gestrandete Schiffe ihnen stets genau das an die Küste schwemmen, was ihnen gerade fehlt; vgl. etwa I, 269f.). Folgende Einrichtungen Europas scheinen selbst auf fernen Inseln noch wünschenswert zu sein: alle technischen Mittel, die die Lebensführung erleichtern, domestizierte Tiere, die der wilden Natur eine zivilisierte Ordnung im Dienste des Menschen entgegenstellen, der Besitz von (wenn auch nicht das Streben nach) Gold, genügend Ernährung und Kleidung und Arbeit für alle, eine gesellschaftliche Struktur, die in ihrem hierarchischen Charakter durchaus an die Tradition der Erbmonarchie erinnert, kontrollierte Beziehungen zur Außenwelt und eine allen gemeinsame Weltanschauung, die den einzelnen gegenüber Gott und den Menschen verpflichtet. Letzteres ist für uns heute vielleicht der befremdlichste Aspekt, im Zusammenhang der Geschichte der Europa-Idee aber von ganz besonderer Bedeutung. Um es pointiert auszudrücken: Die "Insel Felsenburg" ist der protestantische Gegenentwurf zum katholischen Europa des abendländischen Mittelalters (und später der Romantik). Wie konstitutiv die Frage der christlichen Konfessionen für die Entwicklung eines europäischen Bewußtseins ist, kann man besonders schön erkennen, wenn im vierten Band des Romans den lutherischen Bewohnern der Insel Felsenburg portugiesische Katholiken als Gegenspieler begegnen.[11] Wenn man den Roman stets als eine Utopie betrachtet hat, so scheint es mir nötig hinzuzufügen, wie sehr europäisch diese Utopie ist. Oder anders ausgedrückt: Es geht nicht um eine irgendwo und nirgendwo vermutete 'utopische' Gesellschaft, sondern es geht ganz konkret um die Verbesserung Europas. Mit der Zeit (und der Roman erzählt rund 150 Jahre der Geschichte Felsenburgs)[12] wird die Insel in jeder Beziehung immer europäischer. Genügte es im Anfang noch, daß Bäume und Sträucher den Gläubigen "ein rechtes Europäisches Kirchen-Gewölbe" (I, 100) boten, so machen sich die Felsenburger alsbald daran, eine wahrhaftige Kirche aus Stein zu bauen (II, 70ff.). Behalf man sich zunächst mit allen möglichen "nützlichen Sachen" (I, 191) und "treffliche[n] Europäische[n] Victualien" (I, 387), die der Zufall zur Verfügung stellte, so bemüht man sich bald, in alle "Handwercken", "Waaren und Geräthschafften" den europäischen Standard zu erreichen und eine "Vermehrung und immer bessere Wirthschaffts-Einrichtung im Acker- Garten- und Wein-Bau" (I, 430) planmäßig herbeizuführen. Ganz entscheidend trägt dazu bei, daß der Altvater Felsenburgs eine gezielte Einwanderungspolitik betreibt, die insbesondere der Bedarfsdeckung in den verschiedenen Berufen und in der Bildung allgemein dient. Max Weber hätte diese Zusammenführung von religiösen Ansprüchen und Optimierung der Berufs- und Arbeitswelt als einen weiteren Beleg für seine These von der "protestantische Ethik" anführen können. Mir scheint die "Insel Felsenburg" in diesem Sinne der Prototyp eines modernen Europa-Bildes zu sein, in dem die Verbesserung der Verhältnisse im Bewußtsein der bereits errungenen europäischen Vorzüge angestrebt wird. Wahrhaftigkeit, Wohlfahrt und Nützlichkeit - diese drei Begriffe sind nicht nur die häufigsten im Roman, sie stehen vielmehr auch für die Koordinaten eines neuen Selbstbewußtseins von Europa, das sich noch als Utopie zu präsentieren hat. Die Aufklärung - allen voran Wieland und Lessing - hat diese Voraussetzungen aufgegriffen und auf ihre Weise in den Begriff der Zivilisation umgesetzt, der die Europäisierung der Erde irreversibel werden ließ. Dieses Phase der Entwicklung kann hier nur andeuten und ebenso auch die Konjunktur der Europa-Diskussion in der europäischen Romantik, die im übrigen ausführlich dokumentiert ist.[13] Von besonderem Reiz scheint mir nämlich eine dritte Phase der literarischen Europa-Reflexion, die ich unter dem Titel "Die Müdigkeit Europas nach der Revolution" beschreiben möchte. 3. Das Stichwort zu dieser Etappe stammt aus Ernst Willkomms zweibändigen Roman "Die Europamüden".[14] Historisch betrachtet, fällt dieser Roman aus dem Jahre 1838 in eine Zeit, in der die Situation in Europa für Stagnation und Perspektivenlosigkeit zu sprechen schien. Zwischen der französischen Julirevolution von 1830 und der Revolution von 1848 sahen sich viele Intellektuelle und Schriftsteller derart von der Restauration und der politischen Rechtlosigkeit umstellt, daß ihnen für Europa wenig Hoffnung blieb. Pläne einer Einigung des Kontinents unter der Fahne einer wie auch immer zu verstehenden Erneuerung hatten die Romantiker zu Beginn des Jahrhunderts mit oder gegen Napoleon visionär entworfen - und ihren Nachkommen als eine enttäuschte Erbschaft hinterlassen. Nun, nachdem weder Revolution noch Romantik diesem Europa mehr den Weg wiesen, schien der alte Kontinent sein Repertoire an Versprechen verbraucht zu haben und einer saglosen Zukunft entgegenzudümpeln. Unter diesen Voraussetzungen wandten sich viele Zeitgenossen jener neuen Welt zu, die jenseits des Atlantiks einzulösen schien, was diesseits nicht möglich war. Abermals ist es also - wie bei Grimmelshausen und Schnabel - die Alterität, das heißt das Nicht-Europäische, was der Europa-Diskussion eine neue Wendung gibt. Amerika hieß nun die Alternative, deren Vorbild - wie einst die Utopie - der Verbesserung Europas dienen sollte. Amerika, das war Demokratie und Unternehmergeist, Freiheit, Reichtum und Fortschritt, Europa Verfall, nutzloses Beharren auf Vergangenem, Unruhe und Stagnation. Mit der "Utopie eines Amerika-Ideals, das einen Ausweg aus der europäischen Misere eröffnen sollte",[15] hat Willkomm dem zugleich jungen und zerrissenen und enttäuschten Deutschland eine Perspektive weisen wollen. Und so geht es nicht eigentlich um Amerika, sondern um Europa. Zwar sind Amerika und die Auswanderung dorthin ein fortwährendes Versprechen und ein Projekt der Protagonisten des Romans, doch angekommen sind sie dort nie. Trotz seiner über sechshundert Seiten ist der Roman nämlich Fragment geblieben; eine am Ende angekündigte Fortsetzung "Lebt wohl in Europa! Vom Ufer des Missisippi schreib' ich Euch wieder." (II, 270) hat Willkomm nicht vorgelegt. Was der Roman schildert, ist Europa - die einzige größere Reise führt nicht über den Ozean, sondern den Rhein hinauf, nach Köln. Eine eigentliche Handlung gibt es kaum, sieht man von den Vorbereitungen auf die Auswanderung, von kleinen Liebesabenteuern und von dem blutigen Tumult ab, den die Extremisten unter den Europamüden am Ende getreu einer von ihnen vertretenen "Doctrin des Hasses" (I, 43 u.ö.) provozieren. In dieser Konstellation entwirft der Roman ein typologisches bzw. idealtypisches Bild Europas. In knappen Stichworten läßt sich dieses Bild wie folgt beschreiben: Europa ist einerseits durch die Stagnation und die daraus resultierende "Müdigkeit" seiner Bewohner charakterisiert. Andererseits hat es sich im Gegenentwurf Amerikas einen wahrhaftigen Ausweg geschaffen, den die besten unter den Europäern nutzen wollen. Schließlich kommt noch ein weiteres prägendes Element hinzu, das uns auch schon in Schnabels "Insel Felsenburg" begegnete, nämlich der Konflikt der verschiedenen religiösen Konfessionen, der zugleich ein Motor für die europäischen Zwistigkeiten als auch für die Entwicklung einer neuen Menschheitsreligion darstellt. Die eigentliche Sehnsucht dieser 'guten Europäer' ist demnach nicht die Ankunft jenseits des Ozeans, sondern die Durchführung einer großen Tat, die Europa neu beleben könnte. Dieses Philosophie der Tat ist ein wichtiges Element im Europa-Bild dieses Romans. Europa dürstet nach der Umsetzung neuer Ideen, Europa strebt nach der Tat. Wir sehen in Willkomms "Europamüden" also ein Europa, das sich selber überdrüssig geworden ist und doch aus sich heraus die Mittel entwickelt, um diesem Überdruß zu entkommen. Es scheint mir dies ein besonders prägnantes Bild für Europa zu sein, in dem das Bewußtsein seiner Stärken und Schwächen aufs Genaueste entwickelt ist. 4. Die Gestaltung Europas im Zug: Der Nationalismus des späteren 19. Jahrhunderts hat die Geschichte freilich in eine andere Bahn gelenkt. Und so sind denn die weiteren Jahrzehnte kaum fruchtbar in der Gestaltung eines literarischen Europa-Bildes (wenn man Nietzsches Entwurf des "guten Europäers" nicht zu den literarischen Bildern zählen will).[16] Erst mit dem Ende des Imperialismus und der Herausbildung demokratischer Staaten in fast ganz Europa gewinnt die Europa-Idee auch literarisch wieder an Bedeutung. Und so möchte ich eine letzte Station der literarischen Europa-Bilder nennen, in der, den politischen und sozialen Bedingungen entsprechend, die Fragen weniger grundsätzlicher als vielmehr praktischer Natur sind. Das ist vielleicht das Kennzeichen der Europa-Debatte im 20. Jahrhundert, daß sie sich von den grundsätzlichen Fragestellungen entfernt und getreu der von Willkomm ersehnten Philosophie der Tat der konkreten Umsetzung der Europa-Idee in die Praxis verschrieben hat - mit der oben zitierten Konsequenz, daß "von Europa zu sprechen kaum mehr möglich" ist. Ein Text, der mir diesen Übergang von der Idee zur Praxis besonders eindringlich zu schildern scheint, ist Ödön von Horváths Roman "Der ewige Spießer" (1928-1930) bzw. dessen erster Teil mit dem Titel "Herr Kobler wird Paneuropäer".[17] Dieser Roman unternimmt es, die praktischen Schwierigkeiten der Umsetzung der Europa-Idee vorzuführen. Horváth stellt zwei Figuren gegenüber, die symptomatisch unterschiedene Positionen der Europa-Debatte repräsentieren: auf der einen Seite Herr Kobler, ein kleiner Betrüger und Lebemann, der auf der Suche nach einer reichen Liebschaft eine Reise nach Barcelona antritt, und auf der anderen Seite der Redakteur Rudolf Schmitz, der ebenfalls auf dem Weg nach Barcelona ist, um dort von der Weltausstellung zu berichten. Herr Kobler trifft Herrn Schmitz im Zug, wo sie die Chancen und Schwierigkeiten einer Einigung Europas diskutieren und erleben, wobei Herr Schmitz stets Europa als Idee verteidigt, während Herr Kobler nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Was die praktische Umsetzung der Europa-Idee angeht, so zeigt Horváth eine Reihe von Schwierigkeiten auf, die hier beispielhaft genannt seien. Das sind etwa die technischen Probleme, die es zu überwinden gilt, das heißt die Schwierigkeiten bei der Vereinheitlichung von Maßen und Gewichten, Standards und Qualitäten, Industrienormen und Rechtssystemen, Verkehrswegen und Regeln. Schon beim Grenzübertritt von Deutschland nach Österreich werden dem Reisenden diese Probleme schlagartig klar. Zwei große Schilder informieren dort: "Königreich Bayern Rechts fahren!" und "Bundesstaat Österreich Links fahren" (163). Als eine weitere Schwierigkeit ist in Horváths Roman die Kommunikation zu erkennen, stellen doch die unterschiedlichen Sprachen ein konkretes Hindernis der Völkerverständigung dar. Herr Kobler erlebt es zunächst scherzhaft, wenn er meint in einem Schild mit der italienischen Aufschrift "Latrina" (170) Auskunft über den Namen des Bahnhofs zu erhalten, den sein Zug passiert. Schmerzlicher ist die Erfahrung, wenn Schmitz als Paneuropäer leichter Zugang zu Frauen fremder Länder findet als der einsprachige Kobler: "'Jetzt wird er gleich parlieren mit ihr, und ich werd dabei sitzen wie ein taubstummer Aff! Solangs halt soviel Sprachen auf der Welt gibt, solang wirds halt auch dein Paneuropa nicht geben, du Hund!'" (207) Zum Glück für Kobler erweist sich die vermeintlich waschechte Pariser Schönheit aber als eine Fabrikantentochter aus Duisburg - und in ihr findet Kobler endlich die gesuchte Liebschaft. Aber das Glück währt nicht lange, denn noch eines ist problematisch im Begriff Paneuropas: nämlich das Verhältnis zum Außereuropäischen. Die konkrete Herausforderung Außereuropas begegnet Kobler in der Gestalt eines Amerikaners, der die leider vor der Verarmung stehende schöne Industriellentochter in die Ehe führen wird: "diese verarmte Europäerin, die sich nach Übersee verkaufen muß, wurde allmählich zu einem deprimierenden Symbol" (229). "Vergessens bitte nur ja nicht, daß die Vereinigten Staaten von Nordamerika Europa zu einer Kolonie degradieren wollen, und das werden sie auch, falls sich Europa nicht verständigen sollte": (189) Dieses Symbol der "unheilvolle[n] Hegemonie" (228) Amerikas ist ausschlaggebend dafür, daß Kobler schließlich doch zum Paneuropäer wird, derart, daß er bei seiner Rückfahrt "alle vorhandenen französischen, englischen und italienischen Zeitungen [kaufte], obwohl er sie nicht lesen konnte - aber es war halt demonstrativ." (229) Literarische Europa-Bilder verlangen nicht die Stringenz des politischen Diskurses. Schaut man aber auf einige Stationen solcher Bilder in der Geschichte der deutschsprachigen Literatur, so erkennt man, wie sich die Helden und die Autoren zunehmend der Identität Europas und seiner fortwährenden Verbesserungswürdigkeit bewußt werden. Die Gestaltung Europas, die Horváth ironisch anhand einer Zugreise nach Spanien beschreibt, mag heute eher ein politischer als ein literarischer Gegenstand sein: Sie ist im Zug. Daß wir aus den literarischen Bildern aber etwas über die Geschichte und die systematischen Koordinaten einer europäischen Identität lernen und begreifen können, scheint mir außer Zweifel zu stehen. Die Entdeckung und der Wert der Alterität, die Fähigkeit zur Kritik und zum utopischen Entwurf, das Bewußtsein der weltanschaulichen Differenzen und Alternativen, die Überwindung der Müdigkeit in der Bereitschaft und Sehnsucht nach Tat und Gestaltung, das sind nur einige Stichwörter, die aus dem literarischen Diskurs in die tägliche Praxis weisen.
(Der Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: Germanistentreffen Deutschland-Spanien-Portugal 13.-18.09.1998. Dokumentation der Tagungsbeiträge. Bonn: DAAD 1998, S. 229-238.)
[1] Reinhold Schneider: Europa und die Seele Portugals. In: R. Sch.: Portugal. Ein Reisetagebuch. Frankfurt/M. 1994, S. 219-234; hier S. 219. [2] Die Untersuchungen zu den Europabildern in der deutschen Literatur werden im Rahmen des Programms "Praxis XXI" von der staatlichen Fundação para a Ciência e a Tecnologia gefördert. [3] Heinz Gollwitzer: Europabild und Europagedanke. Beiträge zur deutschen Geistesgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts. 2., neubearbeitete Aufl. München 1964, S. 49. [4] "Le politique desinteressé ou ses raisonnements justes sur les affaires présentes de l'Europe", vgl. dazu Manfred Fuhrmann: Europa. Zur Geschichte einer kulturellen und politischen Idee. Konstanz 1981, S. 27. [5] Vgl. Thomas Schleich: Die Europäisierung der Erde. Ursachen, Verlaufsformen, Wirkungen. In: Was ist der Europäer Geschichte? Beiträge zu einer historischen Orientierung im Prozess der europäischen Einigung. Hg. von Jörg Calließ. Loccum 1991, S. 179-210. [6] Vgl. u.a. John H. Elliott: Die Neue in der Alten Welt. Folgen einer Eroberung 1492-1650. Berlin 1992 sowie Marília dos Santos Lopes: Afrika. Eine neue Welt in deutschen Schriften des 16. und 17. Jahrhunderts. Stuttgart 1992. [7] Vgl. zum folgenden auch meinen Beitrag unter dem Titel "Europa-Visionen in der deutschen Literatur. Grimmelshausen und der 'gute Europäer'" in Runa, Revista Portuguesa de Estudos Germanísticos, Nr. 25 (1996), S. 127-133. [8] Zitiert wird nach der der Editio princeps (1668/69) folgenden Studienausgabe des Deutschen Klassiker Verlages. [9] Benutzt wird die Faksimileausgabe des Olms-Verlags 1973; angegeben werden stets die Bandnummer und die Seitenzahl. Auf diese Weise sind die Zitate auch zu überprüfen an der dreibändigen Ausgabe von Zweitausendeins (1997). [10] Arno Schmidt: Wunderliche Fata einiger Seefahrer. In: A. Sch.: Das essayistische Werk zur deutschen Literatur in 4 Bänden. Bd. 1. Zürich 1988, S. 79-83; hier S. 80. [11] Die ersten Bewohner der Insel vertreten die "3. Haupt-Secten des christlichen Glaubens" (I, 173), doch setzt sich im Kampf mit Katholiken und Reformierten schließlich der Lutheranismus durch. [12] Vgl. dazu auch Ludwig Stockinger: Ficta Respublica. Gattungsgeschichtliche Untersuchungen zur utopischen Erzählung in der deutschen Literatur des frühen 18. Jahrhunderts. Tübingen 1981, S. 409. [13] Europa. Analysen und Visionen der Romantiker. Hg. und eingeleitet von Paul Michael Lützeler. Frankfurt/M. 1982. [14] Ernst Willkomm: Die Europamüden. Modernes Lebensbild. 1. und 2. Teil. Faksimiledruck nach der 1. Auflage von 1838. Mit einem Nachwort von Otto Neuendorff. Göttingen 1968. Nach dieser Ausgabe wird im fortlaufenden Text mit der Angabe der Band- und Seitenzahl zitiert. [15] Otto Neuendorff im Nachwort zu der oben genannten Ausgabe, S. 4*. [16] Zum Zusammenhang vgl. Paul Michael Lützeler: Die Schriftsteller und Europa. Von der Romantik bis zur Gegenwart. München, Zürich 1992, S. 190-204. [17] Zitiert wird nach der kommentierten Werkausgabe in Einzelbänden, hg. von Traugott Krischke unter Mitarbeit von Susanna Foral-Krischke; hier Bd. 12, Frankfurt/M. 1987. Eine ausführlichere Interpretation des Romans habe ich unter dem Titel "Literarische Skizzen paneuropäischer Hindernisse" vorgelegt in: Peter Delvaux, Jan Papiór (Hg.): Eurovisionen. Vorstellungen von Europa in Literatur und Philosophie. Amsterdam 1996, S. 85-94. |
|
___________________Letzte Aktualisierung: 16-04-2004_______________________ |